
Namaycush hat zugeschlagen
Endlich ist die Zeit reif um wieder hoch in die Berge zu gehen. Und weil der Sommer in den Bergen spät Einzug hat gehören Eisbohrer, Schneeschaufel und Schneeschuhe zur Ausrüstung dazu. Der Aufstieg um diese Jahreszeit ist eine Zeitrafferwanderung der Jahreszeiten vom jungen Sommer zum Frühling in den Winter zurück. Tatsächlich treffen wir den See hochwinterlich an. Nicht was die Temperaturen betrifft, aber der Schneestand ist nach dem Schneereichen Winter aussergewöhnlich hoch. Der See ist nicht mit einer gleichmässigen Schneedecke überlagert, sondern mit Schneeverwehungen eingedeckt.

Lawinen und Schneeverwehungen weisen auf viel Schnee hin
Zelt auf dem Schnee
Es ist schon spät und das Wetter unsicher. Also wird erstmal das Zelt auf dem See aufgestellt. Wir werden zwei Nächte hier oben bleiben. Zelten auf tiefem Schnee bietet einen angenehmen Vorteil, denn man kann sich im Eingangsbereich einfach eine bequeme Sitzgelegenheit freischaufeln. Doch kaum steht das Zelt in seiner vollen Schönheit, wollen immer heftigere Windböen aus unvorhersehbaren Richtungen die Unterkunft zunichte machen. Bewaffnet mit der Schneeschaufel werden nun bei einsetzendem Regen die Heringe an den Abspannleinen tief im Schnee versenkt, fest eingestampft und vergraben, dann wird noch ein Schneewall als Windschutz ums Zelt gelegt - Bergwetter eben. Das Fischen kann warten. Nach getaner Arbeit gibt es nun dafür im Schutze der Apsis das ideale Schlechtwetteressen: ein Fondue - hier oben schmeckt es am besten! Auch kein Problem den Weisswein kühl zu stellen. Nach so einem Essen übersteht man eine stürmische Nacht im Zelt problemlos - wenn alles gut verankert ist
Erst die Arbeit…
Es wird eine tiefe Stelle der Schneeverwehungen ausgewählt und mit der Schneeschaufel das Oberflächenwasser kreisförmig freigelegt und dann weiter runter bis zur tiefer liegenden ersten Eisschicht den nasse feste Schnee ausheben. Nun erst kommt der Eisbohrer zum Einsatz. Nach der oberen ersten Eisschicht kommt er rasch auf Tiefe. Er muss aber regelmässig hochgezogen werden, damit der Schneematsch ausgetragen wird. Sonst wäre er bald festgefahren. Bald schon kommt die Handkurbel trotz der eingesetzten Verlängerungstange von gut einem Meter extra, ins Wasser. Die zweite Verlängerung in Form der hochgekrempelten Arme muss diesmal also zum Einsatz kommen – es ist ja warm (…stimmt das Wasser ist es nicht!). In diesem Bereich kommt normalerweise spätestens die letzte Eisschicht. Da das Körpergewicht über dem oberen Griffteil aufgestützt auf dem Bohrer liegt eine etwas heikle Sache, weil beim plötzlichen Durchstossen der Oberkörper im Wasserloch einzutauchen droht. Also wird der Kopf als drittes Standbein knapp über der Wasseroberfläche am Schneerand fest angepresst. Doch heute kommt der Durchstoss nicht. Wenn die Brust auf die Höhe der Wasseroberfläche kommt, kann nur noch mit mühsamer Einarmbedienung ein kleinwenig tiefer gebohrt werden....

doch, doch ganz zuunterst ist der Eisbohrer!
Oh je was nun? Erinnerungen an die erste Eisbohrertour werden wach. Damals versagte der Eisbohrer mit seiner Bohrtiefe von 1.5 m jämmerlich. Zwar haben wir damals mit festen Riemen den Bohrer mit einem Ski auf beachtliche 2.8 m verlängern können, aber der tief stehende Kurbelteil verunmöglichte schliesslich ein weiterkommen auf dem harten Eis im unteren Teil der Schichten. (..und der Ski hatte danach andere Fahreigenschaften…). Diese Erfahrung hatte mich gelernt dass ein Hochgebirgsee in unseren Alpen sehr dicke Schneeschichten haben kann. Die bisher dickste Schicht war einmal 3.5 m ab Wasserfläche. Da auch dieses Jahr viel Schnee gefallen ist nahm ich ja auch ein Verlängerungsstück mit. Nun fehlt eben das zweite das zu hause blieb… Aber wir haben ja die Schneeschuhe da, also ran damit und festgezurrt. Doch bald kommt erneut dieselbe Situation: einärmlig kann der Schneeschuh unter Wasser nicht mehr kraftvoll den Eisbohrer vorantrieben. Auch scheint der Kurbelteil unten auf hartes Eis zu treffen. Viel kann nicht mehr fehlen. Damit es tiefer geht werden mit dem Eisbohrer in der Tiefe rund um die zu enge Eisschicht weitere kurze Löcher angebohrt und diese so aufgeweitet. Erneut wird einärmlig gebohrt und es geht voran. Lange schon ist der kurze Ärmel vom T-Shirt nass. Muss wohl den zweiten Schneeschuh anschnallen? Doch nochmals tief Luft hohlen und so tief es geht den Eisbohrer eindrehen und plötzlich geht er ganz leicht tief. Bin ich durch?
Erstmals Pause. Arm abtrocknen und aufwärmen. Ausser dem Arm selbst bin ich eher überhitzt und das warme Blut hilft rasch mit, diese Verlängerung vom Eisbohrer wieder aufzuwärmen. Das Nachmessen (mit Arm) ergibt eine Tiefe von 3.2m ab Wasseroberfläche bis zum unteren Eisrand.

Das Eisbohrergestänge mit Verlängerung hat 2m bis zum ersten Kurbelknick.
Ein tiefes Loch muss gründlich vom Schneematsch befreit werden bevor ein Köder eingelassen werden kann. Immer wieder auf und ab mit dem Bohrer, das hält fit. Nach jeder dieser Kaminfegeraktion wird schaufelweise Schneematsch aus dem Wasser geholt, damit der nachkommende Matsch nach oben aufsteigen kann.
…dann das Fischen
Die kurzen Ruten werden mit grosser Vorfreude bereitgestellt. Bestückt mit einer Laufrolle oder einer kleinen Multirolle lässt sich gut in der Vertikalen fischen. Als Köder wähle ich ein Eigenbau einer eher schweren Mormyschka, die auch testen wird ob das Loch durchgehend ist.
Vorerst geht es gar nicht. Nach zwei weiteren Putzaktionen immer noch nicht. Aber ich bin doch durch? Nochmals muss der T-Shirtärmel eintauchen und in der Tiefe den Bohrkopf auf und ab und…brrr - uff! Erneut den Schneematsch von der Oberfläche räumen - warum mache ich das bloss?
Wieder lasse ich die Mormyschka runter gleiten sie bleibt hängen, etwas anheben und tiefer gleitet sie: zwei Meter drei, vier ja! ab zu den Fischen.
Stell dir vor du bist ein Fisch. Im dämmerigen Licht schwimmst du umher und suchst nach Nahrung. Der Winter hat lange gedauert. Dein Fett vom Sommer hat allmählich abgenommen, einmal weil du mühsam am Boden Zuckmückenlarven und Erbsenmuscheln ausbuddeln musst, aber vor allem auch, weil du ja gar nicht mehr das Fressen im Kopf hattest! Nun der Sex war toll und du hast bestimmt tüchtig für Nachwuchs gesorgt
Aber wo bist du? Ich lasse die Mormyschka jetzt schon zwanzig Minuten herumtanzen und nichts ist passiert. Das ist eher unüblich. Soll ich wirklich? Na was denn, wir sind ja den ganzen Tag oben und haben den Fisch für das heutige Essen fest eingeplant… Aber erst gibt’s eine Zwischenverpflegung. Eisbohren braucht Zeit, Kraft und macht hungrig!

Auswahl geeigneter Köder. In der Mitte rechts die Mormyschka, zuunterst ein Leuchtkörperköder mit integrierter Batterie und Licht, sehr gut in der Dämmerung.
Zweites Loch, neue Hoffnung
Erst wird mass am Eisbohrer genommen, wir lassen die Mormyschka gerade etwas unter dem Eisrand tanzen. Nicht selten suchen Fische direkt unter der Eisfläche Nahrung. Quasi die winterliche Version vom Trockenfliegenfischen. Nichts rührt sich. So lassen wir den Köder auf den Boden absinken. Rasch anheben, Kontakt aufnehmen. Oft kommt ein Fisch nachschauen was da auf den Boden gesunken ist. Unregelmässig lasse wir die Imitation leicht über dem Grund spielen. Ab und zu in den Boden absinken lassen, die aufgewirbelten Sedimente locken den Fisch. Nach einiger Zeit wechseln zur Aufsteigphase: langsam mit ganz kleinen Zuckungen lassen wir die Mormyschka steigen, öfters kurz stehen lassen, leichtes vibrieren. Ein natürlicher Weg vieler Insektenlarven. Mit der Zeit fühlt man genau wie der Köder auf die unterschiedlichen Impulse reagiert, wird ein anderes Verhalten als erwartet auch nur schon vermutet erfolgt sofort ein sanfter Anhieb. Geht der ins Leere, lässt man bei Verdacht den Köder länger auf derselben Höhe spielen, geht vielleicht nochmals etwas tiefer um dann wieder langsam aufzusteigen. Obs!.. so ist es richtig - der Anhieb ist erfolgt bevor man sich bewusst darüber ist:
Hast du doch Lust bekommen die Köcherfliegennymphe zu futtern. Aber etwas ist da schief gelaufen. Du versuchst zu fliehen, das helle Loch zerrt dich immer näher und so gross bist du ja nun auch nicht das du da nicht hineinpasst. Des einen Pechs des andren Glück:

und schwups aus dem Loch ans Licht mit dem Seesaibling!
Ab in die Pfanne
Und schon bald findest du dich in filetierter Form mit einem deiner Kollege zum geselligen braten ein

es riecht schon gut.
Am schattigen Sitzplatz unter der Apsis geniessen wir nun das zarte Fleisch auf Brot: Santé - und danke hast du angebissen!

Brot, etwas Zitronenmayonaise und das leicht gewürzte Fischfilet drauf.
Saiblinge sind gesellige Tiere. Wir fangen mit den kurzen Ruten manchmal einen nach dem andern. Dann wieder längere Wartezeiten. Es kommen allerlei Köder zum Einsatz. Alles was sich mit Vertikalbewegungen lockend präsentieren lässt findet seinen Fisch - irgendwann. Das aktive Fischen macht viel mehr Spass als einen Naturköder ins Wasser zu hängen, und ein bewegter Köder ist ein Mehrfaches fängiger!

Bald steht ein kleiner Vorrat für die kommenden Tage im idealen Kühlschrank zur Verfügung.
Fazit
Eisfischen im Hochgebirge ist ein Krampf! Ganz besonders wenn viel Schnee gefallen ist. Aber das schöne daran ist, dass man das nach dem meist erfolgreichen Fischen auch gleich schon wieder vergessen hat.

Flotte Gesellschaft, schönes Wetter und ein par durchgehende Löcher – be happy.
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